Rundlauf
Hand setzt den Drehmomentschlüssel auf eine Radschraube an einer Alufelge, das Auto steht aufgebockt in der Garage

Reifen selbst wechseln: Schritt für Schritt und mit dem richtigen Drehmoment

120 Newtonmeter beim VW, 140 beim BMW, 175 beim Tesla: Das Anzugsdrehmoment steht pro Marke in der Tabelle. Dazu die Anleitung, vom Wagenheber bis zum Nachziehen nach 50 Kilometern.

Annika Berger, Dipl.-Ing., Kfz-Sachverständige. Stand 29.10.2026.

Ein Opel Corsa, 52 000 Kilometer, Mitte November auf der A81 bei Böblingen. Bei Tempo 120 beginnt es vorn links zu poltern, dann löst sich das Rad. Der Fahrer rollt auf drei Rädern an den Rand, verletzt wird niemand. Zwölf Tage vorher waren die Winterräder montiert worden, mit dem Schlagschrauber, ohne Drehmomentschlüssel, und nachgezogen hatte danach keiner. Als ich das Auto für die Versicherung begutachtete, waren von vier Radschrauben zwei abgerissen, eine lag lose im Radhaus, und die Bohrungen in der Alufelge waren ausgeschlagen.

Deshalb beginnt diese Seite mit dem Drehmomentschlüssel und nicht mit dem Wagenheber. Räder selbst zu wechseln ist keine Hexerei, und planen Sie beim ersten Mal ruhig eine gute Stunde für vier Räder ein. Das Umstecken fertiger Räder kostet beim freien Reifenhändler 20 bis 40 Euro, im Autohaus oft 60 bis 110 Euro, den Betrag sparen Sie bei jedem Termin. Gefährlich wird es nur, wenn die Schrauben nach Gefühl angezogen werden. Was ein Radwechsel in der Werkstatt kostet und was dort zusätzlich passiert, steht im Hub dieser Rubrik.

Werkzeug und Untergrund

Der Untergrund entscheidet, ob der Wagenheber sicher steht. Arbeiten Sie auf festem, ebenem Boden: Garage, Hof, Betonplatte. Rasen, Kies und Schotter geben nach, sobald das Gewicht auf den Heber kommt, und am Straßenrand ist ein Radwechsel schon aus Gründen des Verkehrs keine gute Idee. Bei Pannen auf der Autobahn gehört der Radwechsel nie in Eigenregie auf den Seitenstreifen, dort rufen Sie die Pannenhilfe.

Zum Werkzeug gehört weniger, als die Regale im Baumarkt vermuten lassen:

  • Drehmomentschlüssel mit Einstellbereich bis mindestens 200 Newtonmeter und einer Nuss in der passenden Schlüsselweite, meist 17, 19 oder 21 mm.
  • Wagenheber: Der Bordwagenheber genügt für den Notfall, besser ist ein Rangierwagenheber mit zwei Unterstellböcken für den Fall, dass Sie doch noch unter das Auto müssen.
  • Radkreuz oder Knarre zum Lösen der festsitzenden Schrauben.
  • Unterlegkeile, damit nichts wegrollt.
  • Drahtbürste, Lappen und Kreide für die Auflageflächen und zum Markieren der Räder.

Wo der Wagenheber angesetzt wird, steht in der Betriebsanleitung. Am Schweller sind die Aufnahmepunkte meist durch Kerben oder Pfeile gekennzeichnet. Ein falscher Ansatzpunkt verbiegt den Schweller und im ungünstigen Fall den Unterboden. Heben Sie nur so hoch wie nötig: Sobald das Rad zwei, drei Zentimeter frei in der Luft hängt, reicht es. Je höher der Wagenheber steht, desto wackeliger ist die Konstruktion.

Hat Ihr Auto ein Radschloss, also eine Schraube mit besonders geformtem Kopf, liegt der Adapter meist im Handschuhfach oder bei den Bordwerkzeugen. Wer ihn verloren hat, kommt ohne Werkstatt nicht weiter. Der Hersteller liefert den Ersatz über die Codenummer, die auf einer Karte oder in den Papieren steht. Legen Sie den Adapter nach jedem Wechsel an denselben Platz zurück.

Schritt für Schritt: Räder wechseln

Das Prinzip: lösen, solange das Rad am Boden steht, heben, tauschen, absenken, mit Drehmoment anziehen. Die Reihenfolge ist kein Zufall, denn eine Schraube, die Sie am schwebenden Rad lösen wollen, dreht das Rad mit.

  1. Sichern. Auto auf ebenem Grund abstellen, Handbremse anziehen, Gang einlegen (Automatik: P), Keile unter ein Rad der diagonal gegenüberliegenden Seite legen.
  2. Lösen. Radschrauben am Boden um eine halbe Umdrehung lockern, noch nicht abschrauben.
  3. Heben und abnehmen. Wagenheber am Aufnahmepunkt ansetzen, anheben, bis das Rad frei dreht. Schrauben ganz lösen, Rad abnehmen.
  4. Reinigen und aufsetzen. Auflagefläche an Nabe und Felge von Rost und Bremsstaub befreien, Rad aufsetzen, Schrauben von Hand eindrehen.
  5. Absenken und anziehen. Auto ablassen, bis das Rad Bodenkontakt hat. Schrauben über Kreuz mit dem Drehmomentschlüssel auf den Sollwert anziehen.
  6. Kontrollieren. Nach etwa 50 Kilometern die Schrauben mit dem Drehmomentschlüssel prüfen, dazu den Luftdruck.

Über Kreuz heißt: nie nebeneinanderliegende Schrauben nacheinander, sondern im Sternmuster. Bei fünf Löchern springen Sie jeweils eine Schraube weiter, bei vier gehen Sie diagonal. So legt sich die Felge gleichmäßig an die Nabe. Ziehen Sie in zwei Stufen an, erst mit etwa der Hälfte des Sollwerts, dann mit dem vollen. Der Drehmomentschlüssel klickt, wenn der Wert erreicht ist. Dann nicht weiterziehen, sonst überdrehen Sie die Schraube.

Ein Schlagschrauber löst festgerostete Schrauben zuverlässig, aber er kennt keinen Sollwert. Je nach Gerät und Druck liefert er ein Vielfaches des Zulässigen, und dann dehnen sich Radbolzen, bis sie reißen. Auch Öl auf dem Gewinde ist heikel: Der Tabellenwert gilt für trockene, saubere Gewinde, und ein geschmiertes Gewinde macht aus denselben 120 Nm eine deutlich höhere Spannkraft. Fetten Sie nur, wenn die Betriebsanleitung es ausdrücklich verlangt. Ein dünner Film Montagepaste an der Zentrierung der Nabe verhindert dagegen das Festbacken der Alufelge.

Räder prüfen, markieren, Laufrichtung beachten

Der Wechsel ist die beste Gelegenheit, die Reifen genau anzusehen, denn jetzt liegen sie frei. Suchen Sie nach Rissen im Gummi, Beulen in der Flanke und Fremdkörpern in der Lauffläche. Messen Sie die Profiltiefe an mehreren Stellen und lesen Sie die DOT-Nummer, dann wissen Sie, ob der Satz noch eine Saison trägt.

Bevor Sie die Räder abnehmen, markieren Sie sie mit Kreide oder Klebeband: VL für vorn links, VR, HL, HR. Bei Reifen mit Laufrichtung gehört das Rad später wieder auf dieselbe Fahrzeugseite, damit der Pfeil auf der Flanke in Fahrtrichtung zeigt. Wann der Wechsel ansteht, nach welcher Faustregel und wie Sie die ausgebauten Räder lagern, steht unter Reifenwechsel-Termin und Einlagerung.

Anzugsdrehmoment nach Marke

Bei den meisten Pkw liegt das Anzugsdrehmoment zwischen 100 und 140 Newtonmetern. Ausreißer nach unten sind Fiat mit 86 bis 98, nach oben Porsche mit 160 und Tesla mit 175. Die Tabelle nennt Orientierungswerte nach Marke, sie ersetzt nicht das Bordbuch.

MarkeNmMarkeNm
Audi120 oder 140Opel110 oder 140
BMW140Peugeot100
Dacia105Porsche160
Fiat86 oder 98Renault110
Ford135 oder 140Seat120
Honda108Skoda120
Hyundai/Kia110Tesla175
Mazda110Toyota103
Mercedes130Volvo140
Mini140VW120
Nissan108

Richtwerte, maßgeblich ist die Betriebsanleitung.

Wo zwei Werte stehen, hängt der richtige vom Modell und von der Radbefestigung ab. Im Zweifel zählt der Wert aus dem Bordbuch. Ein Gefühl für die Größenordnung gibt eine Rechnung: Bei einem Radkreuz von 30 Zentimetern Länge entsprechen 120 Nm einem Druck von gut 40 Kilogramm am Griff. Nach Gefühl treffen Sie das nicht zuverlässig, weder zu locker noch zu fest.

Die Schrauben müssen zur Felge passen. Es gibt Kegelbund, Kugelbund und Flachbund, und die Form muss zur Auflage in der Felgenbohrung passen. Eine falsche Schraube hält scheinbar, aber die Felge liegt nicht im Bund, und dann lockert sie sich unterwegs. Alufelgen brauchen häufig andere Schrauben als Stahlfelgen. Mehr zu Felgenbohrung, Mittenbohrung und Zentrierring steht unter Felge und Reifen.

Aus Gutachten und aus der Werkstatt kenne ich fünf Fehler, die sich immer wiederholen:

FehlerFolgeBesser
Schrauben nach Gefühl angezogenRad löst sich oder Bolzen reißtDrehmomentschlüssel benutzen
Schlagschrauber zum Anziehenüberdehnte Bolzen, gerissene Gewindenur zum Lösen, final per Schlüssel
Nicht über Kreuz angezogenFelge sitzt verspannt, Rad schlägtSternmuster, zwei Stufen
Schraubenform passt nichtFelge sitzt nicht im BundSchrauben zur Felge wählen
Nachziehen vergessenSchrauben lockern sich in den ersten Kilometernnach 50 km prüfen

Nach dem Wechsel: Luftdruck und RDKS

Messen Sie den Reifendruck am kalten Rad und gleichen Sie ihn mit dem Aufkleber an der Tür oder im Tankdeckel ab. Reifen, die ein halbes Jahr im Keller standen, haben in aller Regel Druck verloren. Welcher Wert bei Beladung und Temperatur passt, rechnet der Rechner auf der Seite Reifendruck aus.

Hat Ihr Auto ein Reifendruckkontrollsystem, gehört es zum Wechsel dazu. Bei einem indirekten System setzen Sie nach der Druckanpassung die Anzeige im Bordmenü zurück. Bei einem direkten System sitzen Sensoren in den Rädern; fassen Sie das Ventil vorsichtig an und achten Sie darauf, dass der Sensor beim Ablegen des Rades nicht auf dem Boden schleift. Wer andere Räder mit anderen Sensoren aufsteckt, muss die neuen Sensoren anlernen lassen. Welche Systeme es gibt und was ein Sensor kostet, beschreibt der Beitrag zu RDKS.

Beim ersten Mal habe ich eine Stunde und zehn Minuten gebraucht, davon zwanzig Minuten mit der Suche nach dem Wagenheberpunkt. Beim zweiten Mal waren es vierzig.
Jonas Wendt, Redakteur

Wann die Werkstatt die bessere Wahl ist

Es gibt Fälle, in denen Sie den Wagenheber besser stehen lassen. Müssen die Reifen erst von der alten auf die neue Felge, braucht es Montiermaschine und Wuchtmaschine, wie unter Reifen montieren und auswuchten beschrieben. Auch festgerostete Radschrauben, ein verlorener Schlüssel für das Radschloss und eine unklare Angabe zum Drehmoment sind Gründe, den Termin in der Werkstatt zu buchen. Wer sich bei Größe, Saison und Index nicht sicher ist, findet die Grundlagen im Leitfaden zu Reifen.

Häufige Fragen

Wie fest müssen Radschrauben angezogen werden?

Bei den meisten Pkw zwischen 100 und 140 Newtonmetern. VW liegt bei 120, BMW bei 140, Mercedes bei 130, Tesla bei 175, Fiat bei 86 bis 98. Das sind Richtwerte, maßgeblich ist die Betriebsanleitung Ihres Fahrzeugs.

Muss ich Radschrauben nach dem Wechsel nachziehen?

Ja. Nach etwa 50 Kilometern prüfen Sie jede Schraube mit dem Drehmomentschlüssel. Das gilt auch, wenn die Werkstatt die Räder gewechselt hat. Weiteranziehen müssen Sie nur, wenn der Schlüssel noch nicht auslöst.

Darf ich Radschrauben ölen oder fetten?

Nur, wenn der Hersteller es vorschreibt. Der Tabellenwert gilt für trockene, saubere Gewinde, und Schmiermittel verändert die Spannkraft bei gleichem Drehmoment. Ein dünner Film Montagepaste an der Zentrierung der Nabe ist etwas anderes: Er verhindert, dass die Felge festbackt.

Kann ich dieselben Schrauben für Alu- und Stahlfelgen nehmen?

Meistens nicht. Stahlfelgen haben oft eine andere Auflage in der Bohrung als Alufelgen, und die Schrauben unterscheiden sich in Form und Länge. Verwenden Sie die Schrauben, die zur jeweiligen Felge gehören, und tauschen Sie sie nicht untereinander.

Reicht der Bordwagenheber für den saisonalen Wechsel?

Für den Notfall ja, für den Wechsel in der Garage ist ein Rangierwagenheber besser. Er steht stabiler, hebt schneller und lässt sich mit Unterstellböcken kombinieren. Gearbeitet wird in jedem Fall nur auf festem, ebenem Boden.