Rundlauf

Profiltiefe: messen, bewerten, Restlaufzeit berechnen

1,6 mm sind das Gesetz, 3 mm die Vernunft, 4 mm die Grenze für Winterreifen. So messen Sie richtig und rechnen aus, wie lange der Satz noch hält.

Annika Berger, Dipl.-Ing., Kfz-Sachverständige. Stand 29.10.2026.

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Profiltiefen-Prognose: zwei Messungen, und Sie kennen die Restlaufzeit.

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Im April 2025 habe ich in Ludwigsburg einen Audi A4 Avant mit 62 000 Kilometern begutachtet. Der Besitzer wollte nur eine zweite Meinung zu seinen Sommerreifen. In der Mitte der Lauffläche maß ich 5,2 mm, ein Wert, mit dem der Wagen jede Hauptuntersuchung bestanden hätte. An der Innenschulter vorn links dagegen schimmerte schon der Stahlgürtel durch, der Messstift fand dort 0,9 mm. Wer nur in der Mitte gemessen hätte, wäre mit gutem Gewissen weitergefahren. Die Ursache war eine verstellte Spur nach einer Bordsteinberührung im Winter.

Die Profiltiefe ist die Zahl am Reifen, die sich am leichtesten prüfen lässt und am häufigsten falsch gelesen wird. 1,6 mm verlangt das Gesetz. Bei 3 mm tausche ich Sommerreifen, bei 4 mm Winterreifen. Dazwischen liegen ein paar Messverfahren, ein Bußgeldkatalog und eine Rechnung, mit der Sie vorhersagen, wie lange der Satz noch reicht.

Alles Wichtige über Reifen steht auf den Seiten dieses Magazins. Hier geht es um die eine Größe, die Sie selbst in zwei Minuten pro Rad bestimmen können, mit einer Münze oder einem Messgerät und einem Stift für den Kilometerstand.

Mindestprofil: was das Gesetz verlangt

Nach § 36 Abs. 3 StVZO muss das Hauptprofil am ganzen Umfang mindestens 1,6 mm tief sein. Als Hauptprofil gelten die breiten Rillen im mittleren Bereich der Lauffläche, etwa drei Viertel der Laufflächenbreite. Wer darunter fährt, zahlt 60 Euro und bekommt einen Punkt in Flensburg.

Das Bußgeld steigt, wenn andere gefährdet werden (75 Euro) oder es zu einem Unfall kommt (90 Euro). Dazu kommt der Ärger mit der Versicherung: Nach einem Schaden fragen Gutachter und Versicherer früh nach dem Zustand der Reifen, und abgefahrene Reifen können dann zum Streitpunkt werden. Das Gesetz unterscheidet nicht nach Jahreszeit. Die 1,6 mm gelten für Sommer-, Winter- und Ganzjahresreifen gleichermaßen.

Ich halte 1,6 mm für die Grenze des Verbotenen, nicht für die Grenze des Vernünftigen. Die Automobilclubs und die Reifenhersteller empfehlen deutlich mehr:

ReifenartGesetzliche GrenzeEmpfohlener WechselWas darunter nachlässt
Sommerreifen1,6 mm3 mmNassbremsweg, Aquaplaning-Grenze
Winterreifen1,6 mm4 mmTraktion und Bremsen auf Schnee
Ganzjahresreifen1,6 mm4 mmSchnee und Nässe

Neue Pkw-Reifen kommen meist mit 7 bis 9 mm. Nehmen wir 8 mm als Ausgangspunkt: Bis zur gesetzlichen Grenze stehen Ihnen 6,4 mm zur Verfügung. Wer bei 3 mm wechselt, gibt davon 1,4 mm ab, gut ein Fünftel. Bei einem Satz für 400 Euro (Rechenbeispiel) sind das rund 90 Euro. Das ist der Preis für einen Puffer, den Sie auf nasser Straße brauchen.

Profiltiefe messen: Messgerät, Münze, TWI

Der Profiltiefenmesser ist die ehrlichste Lösung. Das Gerät, analog mit Messstift oder digital mit Display, kostet im Zubehörhandel wenige Euro und zeigt auf 0,1 mm genau. Setzen Sie den Fuß flach auf zwei Profilblöcke, schieben Sie den Stift bis zum Rillengrund und lesen Sie ab. Die Münze und die Verschleißstege helfen unterwegs weiter, ersetzen das Gerät aber nicht.

MethodeGenauigkeitWas sie Ihnen zeigtSchwäche
Profiltiefenmesser0,1 mmden tatsächlichen Wertbraucht ein Gerät
1-Euro-Münzegrobob mindestens 3 mm da sindsagt unterhalb nichts
TWI-Stegeeine Markeob 1,6 mm erreicht sindwarnt zu spät
Augenmaßkeinenichts Verlässlichestäuscht bei Mitte und Schulter

So gehen Sie vor, damit der Wert etwas taugt:

  • Wagen auf ebenen Grund stellen, Lenkung einschlagen, damit die Lauffläche zugänglich ist
  • Pro Reifen an drei Stellen des Umfangs messen, grob um ein Drittel versetzt
  • An jeder Stelle innen, in der Mitte und außen messen
  • Den kleinsten Wert notieren, nicht den Durchschnitt

Der Münztest funktioniert mit der 1-Euro-Münze, deren goldener Rand knapp über 3 mm breit ist. Stecken Sie die Münze mit dem Rand voran in eine Hauptrille. Verschwindet der Goldrand vollständig im Profil, haben Sie mindestens 3 mm. Sehen Sie noch Gold, ist es Zeit, den Tausch zu planen. Ein Gesetz ist das nicht, aber die Grenze, die ich für Sommerreifen anlege.

TWI steht für Tread Wear Indicator. In den Hauptrillen sitzen kleine Stege, 1,6 mm hoch und gleichmäßig über den Umfang verteilt. Auf der Flanke zeigen die Buchstaben TWI oder ein Dreieck, wo sie liegen. Sind die Stege bündig mit den Blöcken, ist die gesetzliche Grenze erreicht und der Reifen darf nicht mehr gefahren werden. Als Warnung kommt das reichlich spät.

Restlaufzeit berechnen: zwei Messungen genügen

Ein einzelner Messwert sagt, wo Sie stehen. Zwei Messwerte mit Kilometerstand sagen, wohin Sie fahren. Das Prinzip ist einfach: Sie teilen den Verlust an Profil durch die gefahrenen Kilometer und erhalten den Verschleiß je Kilometer. Damit rechnen Sie bis zur Zielmarke weiter. Ein Beispiel mit einem Kompaktwagen auf Sommerreifen:

MessungKilometerstandProfiltiefe (kleinster Wert)
Messung 1 (Radwechsel im April)52 300 km7,6 mm
Messung 2 (Radwechsel im Oktober)61 800 km6,3 mm
Differenz9 500 km1,3 mm

1,3 mm auf 9 500 km sind 0,137 mm je 1 000 km. Bis 3 mm bleiben 3,3 mm, das sind rund 24 000 km. Bis zur gesetzlichen Grenze von 1,6 mm sind es 4,7 mm, also rund 34 000 km. Wer 12 000 km im Jahr fährt, plant den Neukauf in zwei Jahren und wäre in knapp drei Jahren am Gesetz.

Die Rechnung ist eine Prognose, kein Versprechen. Der Verschleiß ist selten gleichmäßig: Hitze im Sommer, schnelle Autobahnetappen und ein schwer beladener Wagen fressen mehr Gummi als Stadtverkehr im Frühling. Bei Fronttrieblern altern die Vorderreifen schneller als die hinteren, deshalb rechnet man pro Achse. Und wer zwischen Sommer- und Winterreifen wechselt, rechnet pro Satz. Ich ziehe vom Ergebnis ein Viertel ab und plane damit.

Die Rechnung nimmt Ihnen der Rechner ab: Tragen Sie beide Messungen mit Kilometerstand ein, und Sie sehen die Restkilometer bis 3 mm und bis 1,6 mm. Weitere Werkzeuge finden Sie unter alle Rechner.

Profiltiefen-Prognose

Zwei Messungen an derselben Stelle, jeweils mit Datum und Kilometerstand. Daraus ergibt sich der Verschleiß je 1 000 km und die Restlaufzeit bis 3 mm und bis 1,6 mm.

…

Tragen Sie zwei Messungen ein.

Richtwert bei gleichbleibender Fahrweise. Der Verschleiß steigt im Sommer, bei Beladung und auf kurvigen Strecken. Gesetzliches Minimum: 1,6 mm (§ 36 StVZO).

Ungleichmäßiger Abrieb: was das Profil über Ihr Auto verrät

Zurück zum Audi aus Ludwigsburg. Ein neuer Reifen allein hätte das Problem nicht gelöst, denn der nächste hätte nach 20 000 km genauso an der Innenschulter gestanden. Am Profil lesen Sie ab, was mit dem Fahrwerk los ist. Vier Muster sehe ich in der Praxis immer wieder:

  • Innenschulter abgefahren: Spur oder Sturz sind verstellt, meist nach Bordstein oder Schlagloch
  • Beide Schultern abgefahren, Mitte noch gut: zu wenig Luftdruck über lange Zeit
  • Mitte abgefahren: zu viel Luftdruck
  • Einzelne Stellen ausgewaschen, wellenförmig: Unwucht oder ausgeschlagene Stoßdämpfer

Den Zusammenhang mit dem Luftdruck zeigt die Seite zum Reifendruck genauer. Wenn Ihnen beim Messen große Unterschiede zwischen innen und außen auffallen, lassen Sie vor dem Neukauf die Achsen vermessen. Das kostet einen Bruchteil dessen, was ein zweiter vorzeitig ruinierter Satz kostet.

Warum 3 und 4 Millimeter: Aquaplaning, Nässe, Schnee

Auf nasser Straße hat das Profil eine Aufgabe: Wasser unter der Lauffläche wegzuschaufeln, bevor es den Reifen anhebt. Die Rillen sind dafür Kanäle mit begrenztem Volumen, und mit jedem Millimeter, der verschwindet, passt weniger Wasser hindurch. Vergleichstests der Automobilclubs zeigen seit Jahren, dass ein Reifen mit 4 mm Restprofil schon bei rund 25 km/h weniger Tempo aufschwimmt als ein neuer. Auf einer Autobahn bei Starkregen ist das der Unterschied zwischen Kontrolle und Hoffnung. Wie die Kontaktfläche zwischen Gummi und Straße dabei arbeitet, erklärt die Seite zur Aufstandsfläche.

Mit 3 Millimetern sieht der Reifen noch ordentlich aus. Genau das macht ihn so tückisch: Er verrät nicht, wie viel er auf nasser Straße schon verloren hat.
Reifenhändler aus Esslingen

Bei Schnee ist der Effekt noch größer. Ein Winterreifen mit 4 mm hat nach den Tests der Automobilclubs weniger als die Hälfte der Traktion eines neuen, und die Lamellen, die Griffkanten im Schnee, sind dann meist schon flach. Die 4 mm sind übrigens eine Empfehlung, kein Gesetz. Die Winterreifenpflicht knüpft an das Alpine-Symbol an und nicht an die Tiefe. Wie das Zusammenspiel aus Pflicht, Symbol und Profil geregelt ist, lesen Sie bei den Winterreifen.

Wann und wie oft Sie messen sollten

Messen Sie bei jedem Radwechsel im Frühjahr und im Herbst, vor jeder längeren Urlaubsfahrt und nach jeder harten Berührung mit einem Bordstein. Das sind vier bis sechs Termine im Jahr, jeweils fünf Minuten am Auto. Wer die Werte mit Datum und Kilometerstand im Reifenpass festhält, hat im Herbst die zweite Messung schon in der Hand und braucht nur noch zu rechnen.

Profil und Alter sind zwei getrennte Prüfungen. Ein Reifen mit 8 mm Profil kann zehn Jahre alt und innen brüchig sein, ein Reifen mit 3 mm erst drei Jahre alt. Warum das so ist und woran Sie es erkennen, steht beim Reifenalter. Was ein neuer Satz kostet, finden Sie bei den Reifenpreisen 2026. Alle Grundlagen zu Größe, Druck und Aufbau sammelt die Reifenkunde.

Häufige Fragen

Wie viel Profil hat ein neuer Reifen?

Neue Pkw-Reifen haben meist zwischen 7 und 9 mm, je nach Modell, Größe und Saison. Winterreifen liegen häufig am oberen Ende. Messen Sie am besten schon bei der Montage einmal nach und tragen Sie den Wert als Ausgangspunkt für die spätere Prognose ein.

Gilt die 1,6-mm-Grenze auch für Winterreifen?

Ja. Das Gesetz kennt für alle Pkw-Reifen dieselbe Grenze von 1,6 mm. Die 4 mm für Winterreifen und Ganzjahresreifen sind eine Empfehlung der Automobilclubs und Hersteller. Wer darunter fährt, riskiert kein zusätzliches Bußgeld, aber spürbar schlechtere Haftung auf Schnee.

Wie messe ich die Profiltiefe ohne Messgerät?

Mit einer 1-Euro-Münze: Verschwindet der goldene Rand in der Hauptrille, sind mindestens 3 mm da. Für die gesetzliche Grenze helfen die TWI-Stege im Rillengrund. Beides sind Vorprüfungen. Wer zwei Messungen für die Restlaufzeit vergleichen will, sollte sich ein Messgerät kaufen, damit die Werte 0,1 mm genau sind.

Prüft die Hauptuntersuchung die Profiltiefe?

Ja. Bei der Hauptuntersuchung wird der Reifenzustand begutachtet, dazu gehören Profil und sichtbare Schäden. Liegt das Hauptprofil unter 1,6 mm, wird das als Mangel beanstandet. Wer vorher selbst gemessen hat, vermeidet den Termin für die Nachprüfung.