Winterreifen: was Pflicht ist und was sinnvoll ist
Kein Stichtag, aber eine Pflicht: Bei Glätte zählt seit dem 1. Oktober 2024 nur das Alpine-Symbol. Hier steht, was das heißt, was es kostet und warum 4 mm die bessere Grenze sind.

An einem Januarmorgen 2025 stand ein Kleintransporter quer in einer Steigung der Schwäbischen Alb, dahinter ein Rückstau von mehr als einem Kilometer. Schneematsch auf der Fahrbahn, knapp unter 0 °C. Auf den Flanken der vier Reifen stand „M+S“, Baujahr 2016, 6 mm Profil, nach altem Recht ein ordentlicher Winterreifen. Die Polizei schrieb 80 Euro und einen Punkt für den Fahrer, weil er andere behinderte, und 75 Euro und einen Punkt für die Firma als Halterin.
Die Firma ließ danach ihre gesamte Flotte durchsehen, und ich habe sie geprüft. Bei elf von vierzehn Fahrzeugen fehlte das Alpine-Symbol. Das Datum, an dem M+S seine Wirkung verlor, war der 1. Oktober 2024, und kaum jemand hatte es im Kalender stehen. Hier steht, was seitdem gilt, was bei einem Verstoß passiert und worauf Sie beim Kauf achten. Alles Grundsätzliche über Reifen steht im Hauptteil des Magazins.
Was § 2 Abs. 3a StVO verlangt
Deutschland kennt keine feste Winterzeit, sondern eine situative Winterreifenpflicht: Bei Glatteis, Schneeglätte, Schneematsch, Eisglätte oder Reifglätte darf ein Kraftfahrzeug nur fahren, wenn alle Räder Reifen mit Alpine-Symbol tragen. So steht es in § 2 Abs. 3a StVO in Verbindung mit § 36 Abs. 4 StVZO. Die Regel gilt seit dem 4. Dezember 2010.
„Alle Räder“ heißt alle vier, auch die ohne Antrieb. Die Pflicht trifft den Fahrer in dem Moment, in dem die Witterung sie auslöst, auch im November oder im Mai. Der Kalender hilft nur als Eselsbrücke: „Von O bis O“, von Oktober bis Ostern, ist eine Faustregel für den Wechseltermin und kein Gesetz. Wann der Wechsel im Alltag ansteht und wie die Räder den Sommer überstehen, steht im Beitrag zu Reifenwechsel-Termin und Einlagerung.
Ausgenommen sind einspurige Fahrzeuge, also Motorräder und Roller, außerdem Land- und Forstmaschinen und bestimmte Spezialfahrzeuge. Bei schweren Lkw und Bussen genügen Winterreifen an den angetriebenen Achsen und den vorderen Lenkachsen. Die deutsche Regel endet an der Grenze: Österreich, die Schweiz oder Italien haben eigene Regeln, teils mit festem Zeitraum und Mindestprofil. Die Übersicht zur Winterreifenpflicht in Europa hilft vor der Reise, die deutsche Regel im Ländervergleich steht unter Winterreifenpflicht in Deutschland.
Alpine-Symbol statt M+S: was seit Oktober 2024 gilt
Das Alpine-Symbol, kurz 3PMSF, zeigt einen Berg mit Schneeflocke auf der Reifenflanke. Es setzt voraus, dass der Reifen nach UN-Regelung Nr. 117 einen genormten Test auf Schnee besteht und dabei besser abschneidet als ein Referenzreifen. M+S dagegen darf ein Hersteller aufbringen, ohne dass der Reifen eine Mindestleistung nachweisen muss. Die Kennzeichnung sagt über Schnee also wenig.
Für Reifen, die seit dem 1. Januar 2018 gebaut wurden, ist das Alpine-Symbol Voraussetzung, wenn sie als Winterreifen gelten sollen. Ältere Reifen mit bloßem M+S durften noch bis zum 30. September 2024 gefahren werden. Diese Frist ist abgelaufen. Wann Ihr Reifen entstanden ist, verrät die DOT-Nummer. Die letzten vier Ziffern nennen Woche und Jahr, 3516 hieße Woche 35 im Jahr 2016. Trägt der Reifen das Alpine-Symbol, spielt das Baujahr dafür keine Rolle.
| Kennzeichnung auf der Flanke | Gilt bei Glätte als Winterreifen? | Anmerkung |
|---|---|---|
| Alpine-Symbol, mit oder ohne M+S | Ja | maßgeblich ist das Symbol, nicht die Buchstaben |
| Nur M+S, ohne Alpine-Symbol | Nein | seit 1. Oktober 2024 ohne Übergang |
| Ganzjahresreifen mit Alpine-Symbol | Ja | rechtlich ein Winterreifen |
| Ganzjahresreifen nur mit M+S | Nein | wie ein Sommerreifen zu behandeln |
| Sommerreifen | Nein | bei Glätte nicht zulässig |
Wer nur wenig fährt und selten Schnee sieht, kann statt eines zweiten Satzes auch Ganzjahresreifen mit Alpine-Symbol wählen. Sie erfüllen die Pflicht, bleiben im Winter aber hinter einem echten Winterreifen zurück. Die Gegenüberstellung aller drei Bauarten mit Kosten und Temperaturfenstern steht in der Übersicht nach Jahreszeit.
Was Winterreifen auf Schnee besser können
Auf Schnee bremst ein Reifen nicht gegen die Straße, sondern gegen Schnee: Die Lamellen füllen sich, und der Reifen schert Schnee gegen Schnee ab. Deshalb braucht ein Winterreifen viele Kanten, tiefe Rillen für den Schnee und eine Mischung, die bei Frost elastisch bleibt. Hersteller setzen dafür auf viel Naturkautschuk und Silica. Auf trockener, warmer Straße zahlt der Reifen dafür mit weicheren Blöcken und einem längeren Bremsweg.
Wie viel der Unterschied auf Schnee ausmacht, lässt sich überschlagen. Der Bremsweg folgt der Formel s = v² / (2 · μ · g), mit der Geschwindigkeit v in Metern pro Sekunde, dem Reibwert μ und g = 9,81 m/s². Bei 50 km/h (13,9 m/s) und einem angenommenen Reibwert von 0,3 für einen Winterreifen auf Schnee sind das gut 32 Meter. Mit einem Sommerreifen, für den ich 0,15 ansetze, werden es gut 65 Meter. Das sind gerundete Annahmen zur Anschauung und keine Messwerte, aber sie zeigen die Größenordnung: Der Unterschied ist ein Faktor zwei und kein Zuschlag von ein paar Metern. Dort, wo der Winterreifen steht, rollt der Sommerreifen noch mit rund 35 km/h.
Bußgeld und Versicherung
Der Bußgeldkatalog kennt vier Stufen für den Fahrer und eine für den Halter. In jeder Zeile kommt ein Punkt im Fahreignungsregister dazu.
| Verstoß | Bußgeld | Punkte |
|---|---|---|
| Fahren ohne Winterreifen bei winterlicher Witterung | 60 € | 1 |
| … mit Behinderung anderer | 80 € | 1 |
| … mit Gefährdung anderer | 100 € | 1 |
| … mit Unfall | 120 € | 1 |
| Halter, der die Fahrt anordnet oder zulässt | 75 € | 1 |
Das Bußgeld ist die kleinere Rechnung. Die größere schickt die Versicherung. Rutschen Sie bei Schneematsch auf falschen Reifen in einen Unfall, kann die Kaskoversicherung wegen grober Fahrlässigkeit die Leistung kürzen. Die Haftpflicht zahlt Fremdschäden zwar, darf sich aber beim Fahrer schadlos halten, wenn er seine Pflichten verletzt hat. Und der Unfallgegner wird eine Mithaftung geltend machen. Wie hoch die Kürzung ausfällt, entscheidet der Einzelfall. Verlassen Sie sich nicht darauf, dass sie klein bleibt.
Ein Bußgeld von 60 Euro tut nicht weh. Weh tut die Frage, wer den Schaden an Ihrem eigenen Auto bezahlt, wenn auf dem Reifen nur M+S steht.
Profiltiefe: warum 4 mm die bessere Grenze sind
Gesetzlich genügen auch bei Winterreifen 1,6 mm Restprofil (§ 36 Abs. 3 StVZO). Der ADAC empfiehlt für Winter- und Ganzjahresreifen dagegen mindestens 4 mm, und ich schließe mich an. Die Lamellen, die auf Schnee die Arbeit machen, sind bei 4 mm zu einem großen Teil abgefahren. Die Automobilclubs messen seit Jahren dasselbe: Mit sinkendem Profil wächst der Bremsweg auf Schnee deutlich schneller als auf nasser Straße.
Unter 4 mm zu fahren, ist kein Rechtsverstoß. In meinen Gutachten notiere ich es trotzdem als fehlende Reserve, und nach einem Unfall im Schnee wiegt ein Reifen mit 2,5 mm schwerer als einer mit 5 mm. Praktisch heißt das: Messen Sie im Herbst vor dem Aufziehen, an mehreren Stellen der Lauffläche, und planen Sie den Neukauf, wenn der Satz unter 5 mm liegt. Die Profiltiefen-Prognose bei Profiltiefe rechnet aus zwei Messungen die Restlaufleistung hoch, sodass Sie nicht auf Verdacht kaufen.
Geschwindigkeitsindex: die Ausnahme mit dem Aufkleber
Für Winterreifen gilt eine Erleichterung, die Sommerreifen nicht kennen. Ein Winterreifen darf einen niedrigeren Geschwindigkeitsindex haben, als der Fahrzeugschein verlangt, wenn die zulässige Höchstgeschwindigkeit des Reifens im Blickfeld des Fahrers angezeigt wird, durch ein Schild oder einen Aufkleber (bei manchen Fahrzeugen auch im Display), und Sie sie nicht überschreiten. So regelt es § 36 Abs. 5 StVZO.
Ein Beispiel: Ein Kombi mit 230 km/h Spitze fährt im Sommer 225/45 R17 94W, der Index W steht für 270 km/h. Ein Winterreifen 94V erlaubt 240 km/h und braucht deshalb keinen Aufkleber. Ein 94T ist für 190 km/h ausgelegt, er ist mit dem Hinweis „max. 190 km/h“ im Blickfeld zulässig, und dann gilt dieses Tempo auch auf der Autobahn. Den Lastindex dürfen Sie dabei nicht unterschreiten, für ihn gibt es keine Erleichterung. Wie Index und Größe auf der Flanke zu lesen sind, steht im Beitrag zu Reifengröße lesen.
Winterreifen kaufen: Preis, Segment, Modelle
Beim Kauf prüfe ich drei Dinge, und zwar in dieser Reihenfolge: das Alpine-Symbol auf der Flanke, die Größe aus dem Fahrzeugschein und die DOT-Nummer. Ein Reifen, der zwei Jahre im Lager lag, ist noch in Ordnung. Bei mehr als drei Jahren frage ich nach einem Nachlass. Die Preise für 205/55 R16 liegen 2026 in diesen Spannen:
| Segment | Preis je Reifen | Satz (4 Reifen) |
|---|---|---|
| Budget | 55–75 € | 220–300 € |
| Qualität | 85–110 € | 340–440 € |
| Premium | 115–150 € | 460–600 € |
Das sind Richtwerte für den Markenhandel, Montage und Wuchten kommen je Rad hinzu.
Wer die Wahl zwischen mehreren zugelassenen Größen hat, nimmt im Winter als Faustregel die schmalere: Sie drückt mit mehr Flächenpressung in den Schnee und verdrängt Matsch besser. Welche Größen Ihr Auto zulässt, steht im Fahrzeugschein und in den Papieren des Herstellers (CoC).
Im Premiumsegment ordne ich den Michelin Alpin 7 und den Continental WinterContact TS 870 als Maßstab ein, beide mit Alpine-Symbol. Weitere Winterreifen und ihre Alternativen sortiert der Überblick über die Reifenmodelle.
Bei Winterreifen würde ich nicht am unteren Ende sparen. Ihre Arbeit leisten sie selten auf trockener Autobahn, sondern in Momenten, in denen es um Meter geht. An Profiltiefe, Alter und Bremsleistung zu sparen, rechnet sich bei einem Reifen, der bei 0 °C auf Schneematsch halten soll, am wenigsten.
Häufige Fragen
Gelten Ganzjahresreifen als Winterreifen?
Ja, wenn sie das Alpine-Symbol tragen. Dann erfüllen sie die Anforderung aus § 36 Abs. 4 StVZO und sind bei Glätte zulässig. Ganzjahresreifen, die nur M+S tragen, gelten seit dem 1. Oktober 2024 nicht mehr als Winterreifen, auch wenn sie früher durchgingen.
Müssen alle vier Räder Winterreifen haben?
Bei Pkw ja. Die Vorschrift verlangt Reifen mit Alpine-Symbol an allen Rädern, auch an der nicht angetriebenen Achse. Eine Mischung aus zwei Winter- und zwei Sommerreifen ist bei Glätte nicht zulässig und fährt sich außerdem unberechenbar, weil eine Achse deutlich früher den Halt verliert.
Gilt die Winterreifenpflicht auch für Motorräder?
Nein. Einspurige Kraftfahrzeuge sind von der Pflicht ausgenommen. Winterreifen für das Zweirad sind eine Frage der Sicherheit und nicht des Bußgeldkatalogs, und bei Glätte bleibt das Motorrad besser in der Garage.
Darf ich Winterreifen im Sommer fahren?
Rechtlich ja, vernünftig ist es nicht. Die weiche Mischung verschleißt bei Wärme schnell, und der Bremsweg wird länger. Wann der Wechsel auf Sommerreifen fällig ist, hängt am Wetter und nicht am Kalender.
Mein Reifen von 2019 trägt nur M+S. Reicht das?
Nein. Wer nach dem 1. Januar 2018 gebaut wurde und als Winterreifen gelten soll, braucht das Alpine-Symbol. Prüfen Sie Flanke und DOT-Nummer, im Zweifel fragen Sie die Werkstatt, bevor der Winter anfängt.